Rudolf-Marx-Stipendiat Dr. Oliver Königsbrügge berichtet aus Japan
Dr. Oliver Königsbrügge ist Stipendiat der GTH. An der GTH 2025 in Lausanne wurde ihm das Rudolf-Marx-Stipendium zugesprochen. Damit unterstützt die GTH Herrn Dr. Königsbrügge in seinem Vorhaben eines Forschungsaufenthalts am Nagoy University Hospital in Japan. Dieser Aufenthalt bringt unser Fachgebiet einen Schritt voran. Er ist aber auch ein wichtiger Beitrag zur internationalen Vernetzung. Lesen Sie hier seinen Erfahrungsbericht.
Während meines Forschungsaufenthalts am Universitätskrankenhaus der Nagoya Universität in Japan arbeitete ich mit drei zentralen Kollaborationspartnern zusammen: Prof. Tadashi Matsushita, Professor am Department of Transfusion Medicine und am Department of Laboratory Medicine, Dr. Atsuo Suzuki, Chief Biomedical Laboratory Scientist am Department of Medical Technique, Clinical Laboratory, sowie Dr. Nobuaki Suzuki, Lecturer am Department of Blood Transfusion Service der Nagoya University Graduate School of Medicine.
Zu Beginn meines Projekts an der Nagoya University stand zunächst das praktische Kennenlernen des Sysmex CS-5100. Unter Anleitung der Kollegen führte ich die ersten Standardmessungen durch – aPTT, PTZ und die Fibrinogenbestimmung nach der Clauss-Methode – um mich mit den Abläufen und der Handhabung des Geräts vertraut zu machen. Danach wechselte der Fokus auf die Clot Waveform Analysis (CWA), die wir zunächst anhand aPTT-basierter Tests mit verschiedenen Reagenzien wie Revohem aPTT (Sysmex), Actin FS und Actin FSL (Siemens) erprobten. Die CWA ist ein bekanntes Verfahren in der Hämostaseologie, welches in Japan zu experimentellen Zwecken oft zum Einsatz kommt, in Europa jedoch noch nicht viel verwendet wird. Die CWA löst die Gerinnselentstehung von koagulometrischen Messverfahren zeitlich auf, sodass weitere Parameter wie Geschwindigkeit und Beschleunigung der Gerinnselentstehung abgeleitet werden können.
Ein wichtiger Meilenstein war der Versuch, die in der Literatur beschriebenen CWA-Protokolle nach den Arbeiten von Nogami et al. (Journal of Thrombosis and Haemostasis, 2018 doi: 10.1111/jth.14022) zu reproduzieren. Überraschenderweise stießen wir dabei auf einen gravierenden methodischen Fehler, der die ursprüngliche Studie in wesentlichen Punkten infrage stellt. Diese Entdeckung führte dazu, dass wir nicht die bestehenden Ansätze übernahmen, sondern eigene Reagenzienmischungen entwickelten, um den CWA-Assay gezielt für die Analyse von Hämophilie-Plasmen unter Emicizumab-Therapie und anderen Behandlungsformen nutzbar zu machen.
Die folgenden Wochen waren geprägt von intensivem Testen und Optimieren. Wir variierten die Zusammensetzung von TF, aPTT, Phospholipiden (PL) und FXIa, passten Inkubationszeiten an und justierten gerätespezifische Parameter. Aus dieser Phase gingen schließlich zwei stabile und reproduzierbare Testvarianten hervor: aPTT + TF und FXIa + TF + PL.
Als die Methode stand, konnten wir dazu übergehen Patientenproben zu messen. Mehr als 200 Plasmaproben einer Hämophilie-Kohorte mit unterschiedlichen Therapien wurden gemessen.
Die dabei gewonnenen Daten erbrachten erste interessante Ergebnisse, die zu einem Abstract zusammengefasst und für die American Society of Hematology Konferenz im Dezember 2025 eingereicht wurden. Ergebnisse wurde regelmäßig im erweiterten Kreis bei wissenschaftlichen Besprechungen der japanischen Forschungsgruppe diskutiert. Die Arbeit an einer wissenschaftlichen Publikation ist bereits im Gange.
Abgesehen vom aktuellen Projekt stellte die Forschungsaufenthalt auch den Grundstein für weitere Kollaborationen mit japanischen Forschern im Bereich Thrombose- und Hämostasefroschung dar, die ich kennenlernen konnte. Die Teilnahme am Jahreskongress der Japanese Society on Thrombosis and Hemostasis (JSTH) 2025 bot eine gute Gelegenheit, um Kontakte zu japanischen Forschern zu knüpfen. Die JSTH ist eine traditionsreiche Fachgesellschaft, die mit ihren bedeutenden Beiträgen zur Thrombose- und Hämostaseforschung international Maßstäbe setzt und in ihrer Ausrichtung und ihrem Engagement viele Parallelen zur Gesellschaft für Thrombose und Hämostaseforschung (GTH) aufweist.
Mein besonderer Dank gilt der Gesellschaft für Thrombose- und Hämostaseforschung (GTH) für die finanzielle Unterstützung, die diesen Forschungsaufenthalt erst möglich gemacht hat. Die Förderung unterstreicht zugleich die wissenschaftliche Relevanz des Projekts in der Hämostaseforschung.
Die Förderung ermöglichte indirekt zudem, dass mich meine Familie begleiten konnte – eine wertvolle persönliche Erfahrung, insbesondere für unsere Kinder, die in dieser Zeit bedeutende Fortschritte im Erwerb der japanischen Sprache machten.
Der Aufenthalt bot zudem vielfältige kulturelle Erfahrungen – von der Begegnung mit der reichhaltigen japanischen Kultur über zahlreiche Reisemöglichkeiten bis hin zum alltäglichen Leben vor Ort, das mit neuen, aber bereichernden Herausforderungen verbunden war.

